Onkel Franz und die goldenen Sechziger

Innovation aus Leidenschaft

Im Jahr 1960 heiratete Franz-Joachim Schneider Gisela Oehmke. 1964 starb Luise Schneider, und ihr Sohn Franz-Joachim wurde Alleininhaber. Gisela Schneider arbeitete nun im Lektorat des Verlages (1978 in Redaktion umbenannt) aktiv mit – meistens der Kinder wegen von zu Hause aus – und bezog 1972 ein eigenes Büro in dem neuen Verwaltungsgebäude. Fortan nahm sie an Kongressen, Fachmessen und Fortbildungsmaßnahmen teil und betreute bald darauf als Programmleiterin die Hardcover-Titel.

 

Der Franz Schneider Verlag konzentrierte sich weiterhin auf geschlechtergetrennte Serien, die sich als sehr erfolgreich erwiesen hatten: Für die Mädchen fanden nun die Themen Pferde, Schule, Freundschaft und Jungmädchenträume großen Zuspruch; die Jungen interessierten sich für Abenteuer rund um den Globus, Cowboys und Krimis. Die Serienhelden waren häufig namengebend im Buchtitel, der wiederum eine konkrete Aktion verhieß („to do“-Titel).

 

Der große Coup gelang 1963, als der Verlag die deutschen Rechte an Enid Blytons Serie St. Clare’s erwarb. In dem gleichnamigen Mädcheninternat leben die Zwillingsschwestern Patricia und Isabel O’Sullivan und erleben dort viele turbulente Abenteuer. Patricia und Isabel wurden in der deutschsprachigen Ausgabe zu Hanni und Nanni, das Internat St. Clare’s zu Lindenhof. Enid Blyton verfasste vier Bände. In Deutschland wurde die Reihe so erfolgreich, dass sie nach dem Tod Enid Blytons fortgeschrieben wurde und mittlerweile 27 Reihenbände sowie acht Sonderbände umfasst. „Enid Blyton“ wurde zum Markennamen, der in Würdigung der Ursprungsautorin bis heute auf den Buchcovern steht. Die deutsche Hanni und Nanni-Reihe erreichte Millionenauflagen. Sie ist heute noch in verschiedenen Ausgaben und Ausstattungen erhältlich und wurde zweimal erfolgreich verfilmt. Auch die Filmbücher zum dritten Hanni und-Nanni Film 2013 erscheinen bei Schneiderbuch. Ein paar Jahre später folgte Enid Blytons Serie Dolly mit den Abenteuern von Dolly Rieder (englisch Darrell Rivers) in dem Burginternat Möwenfels (Malory Towers in Cornwall). Die Umschlagillustrationen beider Blyton-Reihen wurden von Nikolaus Moras gezeichnet. Im Laufe der Jahre wurden sie vom Künstler mehrfach verändert, um die Kleidung und die Frisuren der Mädchen der Mode der jeweiligen Zeit anzupassen. Die Illustrationen werden heute noch verwendet, was im Handel und beim Käufer einen hohen Wiedererkennungswert nach sich zieht. Derselbe Künstler gestaltete auch die durchgehend farbigen Alben Das ist meine Schulklasse in rot und blau, für Jungen und für Mädchen. Sie wurden in Verkaufsboxen an der Kasse angeboten, ebenso wie die 1-Mark-Reihe Das kleine SchneiderBuch mit Anleitungen und Beispielen zum Spielen, Basteln und Festefeiern.

 

Die große Popularität, die der Verlag bei seinen Leserinnen und Lesern genoss, war stark seiner Präsenz in den übers Land verbreiteten Verkaufsstellen zu verdanken. Ein eigenes Außendienst-Team besuchte nicht nur die Buchhandlungen (bei denen Schneiderbücher seinerzeit nicht allzu angesehen waren), sondern füllte auch die übersichtlichen Schneider-Regale und genormten Drehständer in Kaufhäusern und im Papier-, Büro- und Schreibwarenhandel. Dies war besonders in kleineren Städten und auf dem Land wichtig, denn dort gab es wenig klassische Buchhandlungen. Kam der Kunde nicht zum Buch, so kam jetzt also das Buch zum Kunden.

 

Onkel Franz SchneiderDer Franz Schneider Verlag war einer der ersten Verlage, die das empfohlene Lesealter bei allen Büchern auf dem Buchrücken angaben, was sie im Prinzip beratungsfrei machte. Das kam Kindern und erwachsenen Buchkäufern sehr entgegen. Bei SchneiderBüchern wussten sie ohnehin, was sie erwartete: spannendes „Lesefutter“ für die Altersgruppe von 8 bis 12 Jahre. Durch die gleichmäßige Rückengestaltung (weiß mit Beschriftung und dem roten S am unteren Rücken) fielen die Regal-Segmente mit SchneiderBüchern schon von Weitem auf. Ein Markenzeichen war geboren – und Millionen von Kindern der Einstieg ins Lesen erleichtert worden, was Onkel Franz zeitlebens ein Bedürfnis war. Dafür sorgte nicht zuletzt auch die moderate Preispolitik: SchneiderBücher konnten dank ihrer hohen Auflagen preislich so günstig gestaltet werden, dass sie für alle Schichten erschwinglich waren. Sie hatten einen festen, stabilen Umschlag und waren abwaschbar, sie konnten also auch mal in den Dreck fallen.

 

Schneiderbücher waren auch schon in den Sechzigerjahren beliebte Geschenke für jeden Anlass, davon zeugte die eingedruckte Widmung gleich am Anfang: „Dieses Schneiderbuch gehört … Geschenkt von …“

 

Wie sein Vater war Franz-Joachim ein leidenschaftlicher Verleger, Patriarch und Familienmensch. So ließ er später im Jahr 1974 während der sogenannten „Ölkrise“ jedem Mitarbeiter 2000 DM Heizkostenzuschuss zukommen. Und 1979 schenkte er jedem Verlagsmitarbeiter zur Geburt eines Kindes 6.000 DM für die nötige Grundausstattung.

 

Franz-Joachim Schneider war kreativ und enorm innovativ. 1968 kaufte er die erste IBM-Anlage mit 80 Programmen und zwei Festplatten. Durch die EDV ließen sich die Bestände besser erfassen, Nachdrucke konnten schneller organisiert werden, und so schlug sich das Lager schneller um.

 

Im Frühjahr 1968 erfolgte ein gewaltiger Aufschwung mit 23 % Umsatzsteigerung und rund acht Millionen verkauften Büchern. Lizenzen wurden in über vierzig Länder verkauft. SchneiderBuch hatte seine Kernkompetenz für vielseitige Unterhaltung in starken Serien bewiesen und sich über die Preis- und Vertriebspolitik in den Köpfen der Kunden positiv verankert. Auch dem Zeitgeist der Sechzigerjahre wollte sich der Verlag nicht verweigern. Der 1968 gegründete Boutique Verlag publizierte im Hardcover mit Schutzumschlag eine „Buchreihe extra für junge Leute: Bunt, kess, im Stil von morgen, die extra für die Jugend von heute gemacht wird: Dufte Storys, harte Krimis und auch etwas fürs Herz.“ Die Cover waren poppig und vermittelten einen Hauch von „Swinging London“.

 

Die Siebzigerjahre – Pillenknick und Leserschwund

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