Leseförderung für zweisprachige Kinder

Themensschwerpunkt Leseförderung - Teil 11

Früher dachte man, das Erlernen von zwei Sprachen würde ein Kind überfordern. Heute ist man jedoch gegenteiliger Ansicht.

 

Wenn die Rahmenbedingungen stimmen, erwirbt dein Kind durch Zweisprachigkeit meist ein besseres Sprachbewusstsein, was mit einer erhöhten Fähigkeit zum abstrakten Denken einhergeht.

 

Im Folgenden zeigen wir, welche Rahmenbedingungen gegeben sein müssen, wie wichtig die eigene Herkunftssprache ist und mit welcher Unterstützung man beides gut unter einen Hut bekommt.

 

 

So gelingt Zweisprachigkeit

 

Welche Rahmenbedingungen sind nun für den erfolgreichen Erwerb der Zweitsprache ausschlaggebend? Zum einen kommt es darauf an, ob dein Kind beide Sprachen spielerisch von Geburt an lernt oder die zweite Sprache erst später durch gezielten Sprachunterricht vermittelt bekommt – ersteres ist natürlich leichter.

 

Wie gut beherrschst du als Elternteil beide Sprachen, wer spricht wie viel in welcher Sprache mit dem Kind? Hier ist Konsequenz wichtig. Wünschenswert sind darüber hinaus viele zweisprachige Sozialkontakte und Unterstützung hinsichtlich Zweisprachigkeit in Kindergarten und Schule.

 

Bei letzterem spielt auch das Prestige und die Verbreitung der Erstsprache eine Rolle. Während etwa Englisch als Erst-/oder Zweitsprache positiv bewertet wird und englischsprachige/bilinguale Kindergärten und Schulen nicht selten sind, werden Kinder mit türkischer oder russischer Erstsprache oft als Problemfälle angesehen – und haben tatsächlich häufiger Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben lernen.

 

Die Gründe dafür sind meist ungünstige Rahmenbedingungen: die Eltern aus diesen Kulturkreisen sprechen selbst nicht so gut Deutsch und können ihr Kind kaum unterstützen; in vielen Familien fehlt außerdem eine (Vor-)Lese- und Buchkultur. Die Muttersprache wird meist nur gesprochen und nicht schriftlich vermittelt, sodass die Kinder später beide Sprachen nur halb beherrschen.

 

Die Bedeutung der Herkunftssprache

 

Wie kannst du dem entgegenwirken? Insgesamt hat sich gezeigt, dass bei Kindern, die Deutsch als Zweitsprache lernen, die Förderung der Muttersprache von klein auf sehr wichtig ist. Wenn du die erstsprachliche Sprachkompetenz deines Kindes unterstützt, indem du ihm regelmäßig vorliest und über das Gelesene mit ihm sprichst, wird ihm das Erlernen entsprechender Techniken in der Zweitsprache leichter fallen.

 

Eine große Rolle spielt auch, wie im Kindergarten oder Schule auf die Erstsprache reagiert wird. Die Muttersprache ist für jeden Menschen ein wichtiger Teil seiner Identität. Wird sie negiert („Hier sprechen wir Deutsch.“) oder ignoriert (sie ist nirgends zu hören und zu sehen), so ist es für das Kind, als wäre ein Teil seiner Identität ausgeklammert und unerwünscht. Solche Erfahrungen wirken sich negativ auf die Entwicklung des Kindes aus und hemmen das Erlernen der Zweitsprache.

 

Zweisprachige Projektideen

 

Das Projekt „Doppelter Lesespaß“ in der Stadtbücherei Wertheim zeigt, wie die Einbeziehung der Muttersprache funktionieren kann: Zwei Lesepaten lesen dieselbe Geschichte einmal auf Deutsch und einmal in einer ausgewählten Fremdsprache vor. Das erleichtert das Verstehen, fördert das Verstehen wollen und vermittelt Wertschätzung. Zweisprachigen Lesungen bieten mittlerweile mehrere Bibliotheken an, erkundige dich am besten direkt vor Ort.

 

Auch der „Verband binationaler Familien und Partnerschaften“ organisiert Vorlesestunden in den Herkunftssprachen Türkisch, Arabisch, Russisch und Französisch. Zudem informiert er über mehrsprachige Veranstaltungen und gibt Infobroschüren für Eltern zur zweisprachigen Erziehung heraus.

 

Die Projekte „Griffbereit“ und „Rucksack“ unterstützen Eltern und Kitas in NRW bei der zweisprachigen Erziehung. “Griffbereit” bietet zweisprachigen Spielgruppen für Kleinkinder, in denen die Muttersprache gestärkt und die deutsche Sprache spielerisch erlernt werden soll. Gleichzeitig erhalten die Eltern zahlreiche Förderanregungen.

 

Im Rucksack-Projekt bilden „Elternbegleiter“ die Eltern als Experten für das Erlernen der Herkunftssprache aus, unterstützt durch spezielle Arbeitsmaterialien. In den Kindertageseinrichtungen erfolgt parallel die Förderung der deutschen Sprache.

 

Schau dir das Video zum Thema Rucksack-Projekt von cosmo tv an.

 

Von großer Bedeutung ist auch, dass in der Schule immer wieder auf die Zweisprachigkeit eingegangen wird („Wie heißt das in deiner Sprache?“). Die Kinder dürfen von besonderen Bräuchen und Tradition in ihrem Ursprungsland berichten oder Texte in ihrer Herkunftssprache schreiben und den anderen vorlesen.

 

In der Schul- oder Klassenbibliothek sollten sich auch zwei- und fremdsprachige Bücher finden. Bilinguale Literatur, die die Lesekompetenz von Kindern mit Migrationshintergrund fördern möchte, findest du beispielsweise beim Talisa-Verlag.

 

Warum Kinder Schneiderbücher immer noch lieben, kannst du in Teil 12 unseres Themenspecials nachlesen.

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