Die Siebzigerjahre – Pillenknick und Leserschwund

1977 ließ der Verlag ein neues, vierstöckiges Verlagsgebäude errichten. Angeschlossen waren eine leistungsstarke Buchbinderei, die komplette Auslieferung, eine kleine Hausdruckerei und eine große Kantine, genannt „Casino“. In den gepflegten Räumen fand einmal im Monat in lockerer Atmosphäre der „Autorenstammtisch“ statt. Er war bei Autoren und Illustratoren, Presse und Handel äußerst beliebt, vertiefte das Verständnis untereinander und wertete das Ansehen des Verlages auf. Die Redaktion war unterdessen auf zehn festangestellte Redakteure, zahlreiche freie Lektoren, ein eigenes Eingangslektorat sowie zwei Bildredaktionen und eine Lizenzabteilung angewachsen.

 

Der kaufmännische Geschäftsführer war ab 1972 Gerd Buchner, studierter Betriebswirt und ausgebildeter Kapellmeister. Er hatte die Idee zu den Liederbüchern im „Knautschbuch“-Format. Das erste Liederbuch „Lieder, Songs und Gospels“, das er auch redaktionell betreute, verkaufte sich hunderttausendfach. Die Buchbinderei konnte in Spitzenzeiten bis zu 40.000 Bücher am Tag verarbeiten. Das Schneiderbuch war vom Format her normiert. Aus der Druckerei kamen die Druckfahnen auf Paletten, wurden geschnitten und gebunden und liefen über eine Kassettiermaschine ins Hochlager. Von dort wurden dann die Bücher nach Bedarf über eine hochmoderne Verpackungsstraße in wiederum genormte Pakete von zwei, drei und sieben Kilo einsortiert. Beliebt waren im Handel die halbjährlich angebotenen „Neuheitenpakete“.


Franz-Joachim Schneider, ein begeisterter Anhänger der gerade entwickelten Videotechnik, hatte für den Bayerischen Rundfunk am Beispiel von Rolf Ulricis Buch Die Jungs von der Wasserwacht die Dokumentation „Wie entsteht ein Jugendbuch?“ produziert, in der der Werdegang vom Manuskript zum fertigen Buch erklärt wurde. Die Resonanz bei den Zuschauern war groß, und so beschloss der Verlag, auf Basis des Films ein praktisches Konzept zu entwickeln: Schulklassen im Hauptlesealter 8 bis 12 besuchten den Verlag, sahen den Film, wurden mit Eis und Würstchen gestärkt, fuhren in einem kleinen Zug durch die Binderei und bekamen von einer Begleiterin aus dem Verlag alles erklärt. Als krönenden Abschluss konnten sie sich auf einer Handpresse ihr eigenes (Blindband-)Buch binden und natürlich mit nach Hause nehmen. Obwohl es diese Handpresse nun schon seit vielen Jahren nicht mehr gibt, hat sie eine solche Berühmtheit erlangt, dass auch heute noch regelmäßig nach ihr gefragt wird.

 

Es kam die nächste technische Innovation: Onkel Franz ließ eine Bindemaschine für die Knautschbücher anschaffen und die draußen an den Verkaufsstellen aufgestellten SchneiderBuch-Drehständer überholen. So fanden die zahlreichen Liederbücher, Pferdekalender und Schülerkalender (Eigenentwicklungen ebenso wie Micky Maus-, Donald Duck– und Asterix-Lizenztitel), die in den Folgejahren erschienen, ihren Platz.

 

Seit Anfang der Siebzigerjahre wurden auch Taschenbücher in zwei verschiedenen Buchstärken ins Programm genommen. Diese umfassten zunächst Zweitverwertungen, später auch Originalausgaben. Sie wurden neben den anderen Buchformaten im Drehständer präsentiert. Dort sorgte eine neu eingeführte Kennzeichnung für noch bessere Übersicht. Zusätzlich zur Angabe des Lesealters auf dem weißen Buchrücken gaben nun schmale farbige Streifen das Genre an: Mädchen – rot, Jungen/Abenteuer – blau, Pferde – braun. Tiere – grün. Die Binderei produzierte zweierlei Buchstärken. Bereits 1968 war das dicke Jugendlexikon erschienen: lesefreundlich im Zweispaltenlayout, mit vielen Schwarz-Weiß-Fotos und eingehängten Farbbögen. Lexika zu den Themen Fußball, Sport, Tiere, Pferde und Technik folgten. Alle Nachschlagewerke wurden bei Nachauflagen aktualisiert. Auch das SchneiderBuch der Rekorde zum Taschengeld-Budget fehlte nicht. Wahre Türöffner für die vielen Außendienstmitarbeiter waren die sogenannten „Hits“, die in dieser Zeit entwickelt wurden: Sammelbände von je drei Einzeltiteln erfolgreicher Serien in einer limitierten Auflage zum Preis von 5 DM. Sie wurden später als reguläre Sammelbände ins Programm genommen.

 

Einer der wichtigsten Neuzugänge war 1976 die Autorin Tina Caspari, die auf Vorschlag von Franz Schneider eine neue Serie für Mädchen entwickelte. Die Pferdebuchreihe Bille und Zottel umfasste 21 Bände und erreichte Millionenauflagen. Die Sammelbände sind heute noch erhältlich.

 

Pillenknick und Leserschwund

 

Der sogenannte „Pillenknick“, der Rückgang der Geburtenrate in der zweiten Hälfte der Sechzigerjahre, der dem Einsatz der Antibabypille zugeschrieben wurde, bedrohte in den Folgejahren viele Kinder- und Jugendbuchverlage in ihrer Existenz. Nahm also die Altersgruppe der „typischen“ SchneiderBuch-Leser (8 bis 12) ab, musste man neue Lesergruppen ansprechen. Für junge und jüngste Leser wurde die gelbe Benjamin-Reihe geschaffen, um Kindern von Anfang an einen auf ihr Alter abgestimmten Lesestoff anzubieten. Namhafte Autoren wie Ursel Scheffler und Dimiter Inkiow sowie bekannte Illustratoren konnten dafür gewonnen werden. Es gab die Bücher sowohl in der amtlichen Schreibschrift als auch in Druckschrift. In beiden Fällen waren die Texte in Sinnschritten gesetzt, was das Lesen sehr erleichterte. Als einer der ersten Verlage entwickelte der Franz Schneider Verlag somit den Buchtypus, der heute als „Erstlesebuch“ bezeichnet wird.

 

Auch mit dem Umwelt-Buchprogramm Aktion Ameise betrat man verlegerisches Neuland. Hier wurden zwei Reihen entwickelt, Wir tun was und Wir informieren uns, die Kinder und
Jugendliche fachkundig an den praktischen Naturschutz heranführten. Herausgeber beider Reihen war der Allgäuer Biobauer und Sachbuchautor Gunter Steinbach, Gründer der gleichnamigen Umweltschutzorganisation, die 1992 mit dem Europäischen Naturschutzpreis ausgezeichnet wurde.
In den ersten Jahren der Siebziger wurden auf staatlicher Ebene Reformen im schulischen Bildungsbereich durchgeführt – mit besonderem Augenmerk auf die geforderte Chancengleichheit für Kinder aus allen sozialen Schichten. Als Antwort darauf entwickelte Gisela Schneider unter dem Motto „Kinder spielerisch ans Lernen führen“ in Zusammenarbeit mit Pädagogen, Soziologen und Psychologen die Heftreihe Kinder Kolleg, die in einem eigenen Drehständer angeboten wurde. Die insgesamt 23 Ausgaben von 1972 bis 1974 unterstützten schwerpunktmäßig die Vorschulpädagogik, boten aber auch Schulbegleitmaterial.

 

Mit 12, 13 Jahren wandten sich die jungen Leser in der Regel vom klassischen SchneiderBuch ab. Sie hatten nun andere Interessen. Für sie musste also ein neues Programmangebot geschaffen werden. Der angesehene Jugendbuchautor Jo Pestum gab unter dem Label Edition Pestum eine anspruchsvolle Hardcoverreihe heraus. Bekannte Autoren schrieben für diese Reihe Bücher über Themen wie Liebe, Scheidung, Drogen und auch Abtreibung. Leider fand diese Edition nicht den gewünschten Erfolg, da Bücher aus dem Schneider-Verlag automatisch beim Kinderbuch platziert wurden. Viel Erfolg hingegen hatte die Taschenbuchreihe Abenteuer Report. Fernweh war hier das Zauberwort. An den Bahnschaltern gab es das europaweit gültige Interrail-Ticket für Rucksacktouristen zu kaufen, Globetrotter kamen aus den entlegensten Ländern der Erde zurück, schrieben Reiseführer und brachten ihre Erlebnisse zu Papier. Viele von ihnen für die Reihe Abenteuer Report.

 

Die starke Position im Papier/Büro/Schreibwarenhandel und im Spielwarenhandel und die Kapazitäten in eigener Binderei und Auslieferung brachten „Onkel Franz“, der für Neues immer zu haben war, auf die Idee der „Schloss-Bücher“. Edel aufgemachte Reinschreibbücher wurden mit einem kleinen Vorhängeschloss versehen, das durch gestanzte Löcher in den beiden Buchdeckeln zu führen waren. Alles, was das Attribut „geheim“ im Titel führen konnte, wurde zum Schloss-Buch: von Mein Geheim-Tagebuch bis zu Meine ganz geheimen Fotos und Adressen.

 

Die Achtziger

Eure Meinung

  1. Silke Lamnek 07.01.2017

    Hallo lieber Schneider-Verlag.
    Als ich Anfang der 80er-Jahre mit dem Lesen begann, gab es von Ihrem Verlag eine Reihe von Büchern in Schreibschrift. Diese waren aussen gelb und hatten vorne ein Bild drauf. Ich suche ein bestimmtes Buch dieser Reihe. Es handelte von zwei Mäusen, die im Schaufenster einer Tierhandlung lebten und dort allerhand Abenteuer erlebten. Ich weiss leider nicht mehr, wie das Buch heisst und suche es überall. Vielleicht können Sie mir in dieser Sache weiterhelfen
    Im Voraus vielen Dank, Silke Lamnek